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Maliz Kink Coach

02. Januar 2022 | Fetish Walk

Fetish Walk: mutig und legendär

Warum leben wir unsere Fetische meist nur an Parties aus? Die Freude an Materialien wie Latex und Leder im Alltag stösst bisweilen an Konformitätsgrenzen. Aus Angst vor Stigmatisierung oder Anfeindung führen viele von uns ein Fetisch-Dasein in Nischen. Ich rede hier nicht von sexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit, sondern vom puren  Vergnügen, ander zu sein.

Normen wie Modetrends und Schönheitsideale bestimmen das äussere Erscheinungsbild auf den Strassen. Der Bereich desssen, was als „normal“ gilt ist eng – wir sind der Meinung, der Alltagstrott verdient Vielfalt. Wir wollen es nicht nur den Medien und Stammtischen überlassen, das Bild von Fetisch zu prägen, sondern dies selbst in die Hand nehmen. Wir leben unsere Körper nicht nur in Dungeons oder Clubs und erweitern damit den Freiraum und das Potential, soziale Realität zu konstruieren!
 

Fetisch Walk heisst: in Leder, Lack, Latex oder sonstigen phantasievollen Outfits durch die Altstadt, im Catsuit schwimmen gehen oder Bar-Hopping! Wir gehen stolz (wie an der Pride) ans Tageslicht, wahren den Respekt vor Passant*innen, zeigen einfach die Freude, dass wir sind wie wir sind und uns damit nicht verstecken oder verstellen wollen. Geschlecht und sexuelle Orientierung, Alter, Nationalität etc. spielen keine Rolle. Auch eine Definition von Fetisch geben wir nicht vor.

Die Idee zum Fetisch Walk entstand während des Corona-Lockdowns in Luzern. Wir interpretierten das als Gasmaskenzwang…. Vor der Kulisse einer menschenleeren Stadt wagten wir uns zum ersten Mal raus. Es folgten Walks in beschaulich-katholischen Städtchen in Österreich und Süddeutschland.

Unsere Erfahrungen zeigen verblüffend positive Reaktionen, und dass es sich lohnt, Berührung zwischen Mainstream und Underground zu pflegen. Viele tragen diesen Split als inhärenten Konflikt mit sich herum. Das muss nicht sein. Für solche Erlebnisse bieten wir über Fetlife und Joyclub eine Plattform. Gerne unterstützen wir Leute, die in ihrer eigenen Stadt einen Walk initiieren möchten.

Gastbeitrag zum Thema:

Menschliche Tierchen auf allen Vieren, androgyne Gummiwesen mit hohen Absätzen, Symbole von Unterwerfung und Herrschaft, Infragestellung von Sexualität, Orientierung und Geschlecht, Sex unverblümt – Was wir auf einer Fetisch- oder BDSM-Party zu sehen bekommen ist schrill, bizarr und auch durchaus gewöhnungsbedürftig. Egal, in welche Schublade wir diese Eindrücke zu stecken versuchen, zwei Dinge sind in ihnen aber fast immer zu finden: Vielfalt und Offenheit. Vielfalt in der Weise, wie wir unser inneres Wesen nach aussen zu kehren wagen, und Offenheit im Umgang mit unseren Wünschen und Ängsten, mit uns selbst und unseren Mitmenschen.

Ganz anders dagegen das Bild, das die Öffentlichkeit in diesen Tagen abgibt: Konformität, möglichst nicht Auffallen, niemandem zu Nahe treten, Einpassen, Durchhalten, argwöhnisch Abstand halten – emotional und physisch. Masken gibt es hier zwar auch, doch dienen sie nicht der Auflösung des Individuums, um es in der Ekstase neu zu erfinden, sondern als Schutzwall gegen die Bedrohungen der Pandemie – und diese lauern im Mitmenschen. Angst vor den anderen. Was der Gesellschaft schon immer zu
schaffen machte, wurde noch einmal potenziert. Und je länger dieser Zustand andauert, umso stärker treten seine Wirkungen in und um uns zutage.

Man kann nun – zurecht – Durchhalteparolen verinnerlichen, Teile des sozialen Austauschs in den virtuellen Raum verschieben,
Hygienemassnahmen beachten und auf eine bessere Zeit hoffen, in der das Leben den Corona-Bann brechen wird. Oder man kann die Freiräume nutzen, die uns Lockdown und Notrecht übrig lassen, um Offenheit und Vielfalt,
das Leben an sich zu feiern. Trotzdem. Dabei geht es nicht um Provokation, um den Regelbruch oder die Sexualisierung des Alltags. Nun gut, ein bisschen vielleicht, aber nicht in erster Linie. Gewisse Dinge sollen den Parties schliesslich vorbehalten bleiben. Um was es geht, spüren wir dagegen, wenn wir uns den Catsuit überstreifen, die Stiefel zuschnüren, die Gasmaske aufsetzen und Arm in Arm einfach so durch die Strassen schlendern. Elektrisiert, fröhlich, unbeschwert. Es geht um
Zuversicht, das Auflösen von Stereotypen und um die Freiheit, für einmal so zu sein, wie wir sein möchten. Anders vielleicht als viele, aber genauso normal und schön wie alle. Im Grunde wird damit das Prinzip der Pride, das bislang an ein festes Datum geknüpft war, ausgeweitet und universal. Denn mit Stolz zu zeigen, wer wir sind, das kann nicht falsch
sein – gerade heute, gerade hier.

They who cannot howl will not find their pack.

C. Simic
Maliz Kink Coach